Beispiele für typische Denkfehler und ihre Disputation in der Kognitiven Therapie

Irrationale oder verzerrte Kognitionen sind nach Aaron Beck, der Begründer der Kognitiven Therapie, hauptsächlich an der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen beteiligt.

Zu den Kognitionen (lateinisch cognoscere: “erkennen, erfahren”) zählen beispielsweise Prozesse des Wahrnehmens, des Denkens, Lernens, Erinnerns, der Sprache und Kreativität, Einstellungen, Meinungen, Wünsche oder Absichten.

In der Kognitiven Therapie geht es deshalb vor allem um die – im Laufe des Lebens erworbenen – negativen Einstellungen, extremen Meinungen und unrealistischen Wünsche des Klienten, die ihn daran hindern, dass er sich gut fühlt.

Diese dysfunktionale Gedanken (= Denkfehler) bewusst wahrzunehmen, kritisch zu hinterfragen und neue, hilfreichere Einsichten zu erarbeiten, stehen dabei im Mittelpunkt der therapeutischen Arbeit.

Was sind nun typische Denkfehler genau und woran können Sie sie erkennen?

Beispiele für 5 häufige Denkfehler in der KVT Praxis

Die folgenden – angelehnt an den typischen Denkfehlern nach A. Beck – kognitiven Verzerrungen treffe ich in meiner Praxis am häufigsten an:

  • Alles-oder-Nichts-Denken (zum Beispiel bei Perfektionismus): Wenn ich in dieser Prüfung schlecht abschneide, brauche ich gar nicht erst weiterzumachen.” “Nie mache ich etwas richtig.” “Da blamiere ich mich jedes Mal.”
  • Willkürliches Schlussfolgern (z.B. bei Selbstwertproblematik): Ich weiß, dass sie etwas gegen mich hat, denn sie hat mich kein einziges Mal angerufen.” “Wenn sie mich richtig respektieren würde, dann wäre sie pünktlich gewesen.” “Sie hat mich nicht gegrüßt, weil ich ihr egal bin.”
  • Katastrophisieren (v.a. bei Depressionen, Angststörungen): Ich weiß, dass ich vor lauter Aufregung wieder nichts zustande bringe.” Was ist, wenn ich in der Arbeit einen schlimmen Panikanfall bekomme.” “Ich bin die Erste, der gekündigt wird.”
  • Emotionale Beweisführung (Weil ich so fühle, muss es wahr sein): “Wenn meine Gedanken nicht stimmen würden, dann würde ich mich doch nicht so fühlen.”, “Wenn ich mich so fühle, weiß ich schon, dass das nichts wird. “Die lachen bestimmt alle über mich, weil ich mich so unsicher und dumm fühle.” “Ich fühle, dass er falsch liegt.”
  • Gedankenlesen (v.a. bei Selbstwertproblematik): Ich weiß genau, was er von mir hält.” “So wie die mich ansehen, denken die bestimmt, dass ich schuld bin.” “Wusste ich es doch! Er hat mich schon immer gehasst.”

Sie können sich sicherlich vorstellen, wie sich jemand mit solchen Gedanken fühlt und verhält. Ihm zu sagen, dass er anders denken soll, bringt in der Regel nicht viel.

Um diesen Menschen wirklich weiterhelfen zu können, empfehle ich an dieser Stelle den Sokratischen Dialog, so wie er in wissenschaftlich überprüften Kognitiven Verhaltenstherapie angewendet wird.

Disputationsstile im Rahmen des Sokratischen Dialogs

Das Ziel – der nach Sokrates genannten Gesprächsführung – besteht darin, ein reflektiertes eigenverantwortliches Denken anzuregen und neue, funktionale Einsichten zu erarbeiten, wobei verschiedene Frage- und Disputationstechniken eingesetzt werden.

Die Haltung des Therapeuten ist dabei offen und vorurteilsfrei; eine entsprechende Vertrauensbasis sollte natürlich ebenfalls vorhanden sein.

Kognitive Therapeuten gehen davon aus, dass ein funktionales Denken logisch (vernünftig und nachvollziehbar) ist, sich an der Realität orientiert und beim Erreichen (persönlicher) Ziele nützlich ist.

Um ein solches Denken zu fördern, kommen in der Kognitiven Therapie die nachfolgenden drei Disputationsstile besonders häufig zum Einsatz:

  1. Die logische Disputation deckt Widersprüche innerhalb des Denkens auf.
  2. Die empirische Disputation weißt auf Unterschiede zwischen der Realität und Gedanken hin.
  3. Die hedonistische Disputation beleuchtet die Vor- und Nachteile bestimmter Denkmuster bzw. Gedanken.

Wegen ihrer Ähnlichkeit werden die logische und empirische Disputation oft unter der empirischen Disputation zusammengefasst.

Häufige Disputationsstrategien und Beispiele dazu

Damit Sie einen noch besseren Einblick in die o.g. Disputationsstrategien bekommen, hinterfrage ich einen typischen Denkfehler aus der Kategorie Alles-oder-Nichts-Denken:

Zum Beispiel höre ich Klienten immer wieder sagen: “Nie mache ich etwas richtig.”

  1. Beispiele zur logischen Disputation: Was meinen Sie mit ‘nie’?”, “Können Sie mir ein Beispiel für ‘etwas richtig machen’ geben?”, “Haben Sie eine Idee, wie es zu diesen unterschiedlichen Ansichten kommt?”, “Wenn Sie nie etwa richtig machen, dann frage ich mich gerade, wie Sie es dann geschafft haben, heute pünktlich hier zu sein?”
  2. Beispiele für die empirische Disputation: “Habe ich das richtig verstanden, Sie haben also in Ihrem ganzen Leben kein einziges Mal etwas richtig gemacht?”, “Beruht dieser Gedanke auf Tatsachen?”, “Denken alle anderen Menschen auch so von Ihnen?”, “Welche Beweis haben Sie dafür, dass das wahr ist?”
  3. Beispiele für die hedonistische Disputation: “Inwieweit nütz Ihnen der Gedanke, Ihr Ziel zu erreichen?”, “Wie fühlen Sie sich, wenn Sie diesen Gedanken glauben?”, “Wie behandeln Sie sich (was tun Sie), wenn Sie das denken?”

Wie so oft im Leben, macht auch hier Übung den Meister.

Daher empfehle ich Ihnen, zunächst eine oder zwei Frage(n) in den verschiedenen Situationen immer wieder einzuüben.

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg beim Ausprobieren!

Literaturangaben zur Kognitiven Therapie

Die folgenden Bücher informieren über den Sokratischen Dialog, häufige Disputationsmethoden und die Kognitive Umstrukturierung. Sie sind meines Erachtens auch für (angehende) Heilpraktiker der Psychotherapie geeignet.

Wenn Sie sich für die Hintergründe des Sokratischen Dialogs interessieren und etwas detaillierter in diese Thematik einsteigen möchten, dann empfehle ich Ihnen das Buch von Harlich Stavemann.

Beate Wilken liefert mit Ihrem handlichen Buch einen praktisch gemachten Leitfaden mit vielen wertvollen Fragen zur Kognitiven Umstrukturierung.

Und Judith Beck führt Sie in ihrem Buch – am Beispiel einer depressiven Patientin – spannend und praxisnah durch die Planung und Durchführung der Kognitiven Therapie.

  • Beck, J. (2013). Praxis der Kognitiven Verhaltenstherapie. Beltz.
  • Stavemann, H. (2007). Sokratische Gesprächsführung in Therapie und Beratung. Beltz.
  • Wilken, B. (2010). Methoden der Kognitiven Umstrukturierung. Kohlhammer.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Franziska studierte Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Danach absolvierte Sie erfolgreich die 5-jährige Psychologische Psychotherapeutenausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie beim IVS Nürnberg. Nach 10-jähriger psychotherapeutischer Tätigkeit leitet sie mit Uwe Luschas die piKVT Ausbildung für (angehende) Heilpraktiker Psychotherapie. Außerdem hilft sie mit ihrer Selbsthilfe-Webseite BossImKopf.de tausenden Menschen, mehr "Boss im Kopf" zu werden.

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Kommentare

  1. Isabel schreibt:

    Super,danke!Werde mich bei Ihnen”HeilpraktikerErfolg” anmelden!