Organismusvariable in der Verhaltenstherapie als Nährboden für psychische Störungen

HeilpraktikerErfolg - Die Organismusvariable (SORK) in der Psychotherapie (KVT)

Die Organismusvariable als Schlüsselfigur in der Verhaltensanalyse

Vor einigen Tagen erhielt ich eine Email von einem KVT Interessierten und angehenden Heilpraktiker für Psychotherapie. 

Seine Fragen zur Organismusvariable sind der Grund für diesen ergänzenden Artikel zur Verhaltensanalyse innerhalb der Kognitiven Verhaltenstherapie.

Von meinen Antworten können sowohl Prüflinge wie auch Heilpraktiker (Psychotherapie) in eigener Praxis profitieren.

Weniger Symptome durch die Bearbeitung der Organismusvariable 

Frage:

“Kann man die Organismusvariable als “Key/Schlüssel” eines Klienten definieren, die wenn ich sie heraus gearbeitet habe, durch Umstrukturierung zu Modifizieren gilt um dadurch ein Verhaltensänderung herbeizuführen?”

Antwort:

Mit der Organismusvariable sind in der Regel die Bedingungen des Organismus gemeint, die für die Symptomatik von Bedeutung sind. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Besonderheiten bzw. Abweichungen von der normalen Funktion des Organismus.

Dazu können genetisch-biologische Funktionsstörungen (z.B. Stoffwechselstörungen), eingefahrene psychophysiologische Reaktionsmuster (z.B. erhöhtes Herzfrequenz), Drogeneinwirkungen, erworbene Defizite (z.B. umweltbedingte Entwicklungsverzögerung) oder momentane Bedingungen (z.B. Ermüdung, Kopfschmerzen) gehören.

In der psychotherapeutischen Behandlung sind jedoch vor allem die dysfunktionalen Einstellungen, Überlebens- und Verhaltensregeln eines Menschen von Interesse, die sich im Laufe seines Lebens überwiegend aus seinen Lernerfahrungen entwickelt haben.

Die Organismusvariable steht im SORKC Schema zwischen S (Stimuli = Reize = Auslöser) und R (Reaktionen). Als sogenannte “bio-psycho-soziale Grundhaltung” eines Menschen wirkt sie wie ein riesiger Filter auf die Reaktionen, die ein Mensch in einer bestimmten Situation zeigt.

Dass ein Mensch also selbstschädigend reagiert (Problemverhalten), liegt vor allem auch an der (dysfunktionalen) Organismusvariable, welche durch die (langfristigen) Konsequenzen (C) letztendlich aufrechterhalten wird (siehe Erna, Verhaltensanalyse, Teil 3 und 4).

Insofern nimmt die Organismusvariable bei der Entstehung von psychischen Störungen eine zentrale Stellung ein.

Dieser “Teufelskreis” sieht bei der Patientin “Erna” vereinfacht so aus:

  1. (S) – Belastende Situation: Nachbarin sagt geplanten Spaziergang ab.
  2. (O) – Grundannahme als Teil der Organismusvariable: “Ich bin nicht wichtig.”
  3. (R) – Dysfunktionales Reaktionsmuster: Erna zieht sich zurück, weint, isst, trinkt, schaut fern, schläft.
  4. (C) – Als Konsequenz vertärkt sich die depressive Symptomatik: sozialer Rückzug, Antriebslosigkeit, Minderwertigkeitsgefühle, Grübeln.
  5. Dadurch wird nicht nur R aufrechterhalten, sondern auch die obige Grundannahme (O) bestätigt.
  6. Hinzu kommt in aller Regel noch der Verlust der sozialen Verstärker: Familie, Nachbarin, Enkelkinder ziehen sich zurück.

Dem Verhaltenstherapeuten interessieren daher vor allem diese dysfunktionalen Grundannahmen, die zusammengenommen wie ein fehlerhafter Filter wirken, mit dem der Patient sich, andere und die Welt “verzerrt” wahrnimmt (siehe auch Kognitive Triade nach Beck).

Wie Sie schon richtig erkannt haben, ist eines der Therapieziele, insb. bei komplexeren Störungen, die dysfunktionalen Grundannahmen in funktionalere Grundannahmen zu ändern.

Das ist häufig gar nicht so einfach und es braucht auch Zeit.

Gerade bei der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, bei denen es sich in der Regel um tiefgreifende, dysfunktionale Denkmuster handelt, geht es bei den Behandlungszielen nicht so sehr um die “vollständige Heilung” dieser Grundannahmen, sondern realistischerweise eher um die Abschwächung dieser extremen Kognitionen und um das Erlernen neuer konstruktiverer Bewältigungsstrategien.

Die kritische Untersuchung der Organismusvariable im Dialog mit dem Patienten

Frage:

“Die Erarbeitung der Organismusvariable ist meiner Ansicht nach sehr komplex. Das Beispiel von Erna war sehr verständlich, jedoch frage ich mich wer entscheidet, welche O. ein Klient entwickelt hat. Interpretiert ein Therapeut (Sie) die O. aus der Mikro/Makroanalyse und wenn ja , muss sie doch sicher vom Therapeuten durch einen Interpretationsversuch vom Klienten bestätigt werden ( Korrektur auf Richtigkeit )?”

Antwort:

Die Organismusvariable erhält der Therapeut mithilfe der Makroanalyse.

Die Makroanalyse wird anhand der Anamnese idealerweise zusammen mit der Patientin exploriert. Für mich persönlich ist Transparenz sehr wichtig, d.h., ich bespreche die “Lebensgeschichtliche Entwicklung und Krankheitsanamnese” nochmals mit der Patientin, vorzugsweise durch offene Fragen, um Zusammenhänge noch deutlicher erschließen und klären zu können.

Natürlich sind dem Therapeuten hier Grenzen gesetzt, u.a. abhängig von der Reflexionsfähigkeit der Patientin, den aktivierten Abwehrmechanismen oder dem bevorzugten Interpretationsmuster seitens des Therapeuten.

Ein kleiner Tipp zum Schluss

Da es sich in der Psychologie und Psychotherapie häufig um Annahmen, Modelle oder Konstrukte handelt, hat es sich für den Therapieerfolg als vorteilhaft erwiesen, wenn Therapeuten kritisch hinsichtlich ihrer und den Interpretationen ihrer Klienten bleiben.

Überprüfen und aktualisieren Sie deshalb im Laufe des Therapieprozesses wiederholt das erarbeitete Störungsmodell und passen Sie die Therapieziele bzw. den Behandlungsplan an.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Franziska Luschas studierte Psychologie. Danach absolvierte sie die 5-jährige Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Kognitiver Verhaltenstherapie. Sie zeigt auf ihrer Selbsthilfe-Webseite anderen Menschen, wie sie wieder "Boss im Kopf" werden können. Sie liebt die Natur, lebt umweltfreundlich und unterstützt den Tierschutz.

P.S.
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P.P.S.
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Kommentare

  1. Gerhard W.  am  08.01.14:

    Hallo Frau Luschas,

    vielen Dank für diese einfache und vor allem verständliche Erklärung der Organismusvariable in der Verhaltensanalyse.

    Als angehender Heilpraktiker für Psychotherapie (HPG) arbeite ich mich gerade in die verschiedenen Therapieformen ein. Insbesondere in die Kognitive Verhaltenstherapie.

    Weit bin ich da noch nicht, aber ich habe ja noch bis zu meiner Prüfung bis Oktober 2014 Zeit.

    Kurze Frage: Sehe ich das richtig, dass die Verhaltensanalyse Teil der Verhaltenstherapie ist?

    Liebe Grüße

    Gerhard

    • Franziska Luschas  am  09.01.14:

      Hallo Gerhard,

      ich freue mich, dass Sie HeilpraktikerErfolg für Ihre Prüfungsvorbereitung zum Heilpraktiker Psychotherapie so gut für sich nutzen können.

      Gerade die wissenschaftlich orientierte Verhaltenstherapie gibt künftigen Therapeuten eine gut strukturierte, logisch nachvollziehbare und effiziente therapeutische Vorgehensweise an die Hand.

      Wie Sie schon richtig vermutet haben, gehört die Verhaltens- und Problemanalyse als unverzichtbarer Bestandteil zur Kognitiven Verhaltenstherapie.

      Therapeuten erhalten dadurch eine bewährte Struktur, mit deren Hilfe sie vor allem die ursächlichen, auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren einer psychischen Störung systematischer exlorieren (erforschen) können.

      Mittels “Verhaltensanalyse” können Sie ein individuelles Störungsbild Ihres Patienten erstellen, was als Grundlage für die störungsspezifischen Therapieziele und den darausfolgenden Therapie- bzw. Behandlungsplan dient.

      Verhaltensanalysen sind realistischerweise – vor allem zu Beginn der Therapie- noch nicht vollständig, denn im Verlauf der therapeutischen Arbeit treten normalerweise immer neue, detailliertere Informationen zum Patienten zu Tage.

      Deshalb aktualisiert bzw. verfeinert ein sorgfältig arbeitender Therapeut die Verhaltensanalyse, wenn sich neue Informationen ergeben und berücksichtigt diese im weiteren Therapieprozess.

      Ich wünsche Ihnen eine entspannte, begeisterte und erfolgreiche Prüfungsvorbereitung.

      Franziska Luschas