Sokratischer Dialog und kognitive Umstrukturierung in der Kognitiven Verhaltenstherapie einfach erklärt

Was ist der sokratische Dialog? Wo wird er verwendet? Was ist der Unterschied zur kognitiven Umstrukturierung?

Diese drei Fragen bekomme ich immer wieder von (angehenden) Heilpraktikern für Psychotherapie gestellt, die sich entweder gerade auf ihre Prüfung vorbereiten oder bereits mit Klienten in eigener Praxis arbeiten.

Bevor ich jedoch näher auf die genannten Fragen eingehe, möchte ich Ihnen noch eine kurze Einführung in die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) geben. Denn in dieser Psychotherapieform kommt der sokratische Dialog bei psychischen Störungen häufig zum Einsatz.

Negative Gefühle durch negative Gedanken

Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) geht davon aus, dass die Art und Weise, wie wir denken unsere Gefühle positiv oder negativ beeinflusst.

Denken wir beispielsweise an etwas Positives, wie etwa an einem besonders schönen Urlaub zurück, dann fühlen wir uns in der Regel gut.

Stellen wir uns hingegen vor, was uns in der Vergangenheit Schlechtes passiert ist oder welches Unglück uns in der Zukunft wiederfahren könnte, fühlen wir uns normalerweise angespannt, ängstlich oder hilflos.

Unsere Gedanken beeinflussen jedoch nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unser Verhalten. Menschen, die sich schlecht fühlen, zeigen sich häufiger gereizt, weniger belastbar oder ziehen sich mehr zurück als solche, die sich gut fühlen

Negatives Denken wirkt sich zudem nachteilig auf den Körper aus. Zum Beispiel werden vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, die Muskeln verkrampfen sich oder der Verdauungstrakt spielt verrückt. Menschen, die sich oft aufregen oder viel Sorgen machen, berichten – im Gegensatz zu ihren entspannten Mitmenschen – häufiger über Kopfschmerzen, nächtliches Zähneknirschen, Durchfall, Bauchschmerzen oder verspannte Schultern.

Laut KVT kann ein häufiges oder extrem negatives (= dysfunktionales) Denken sogar psychische Störungen, wie beispielsweise Depressionen, Ängste, Zwänge und psychosomatische Störungen auslösen, begünstigen oder aufrechterhalten. 

Aber warum denken manche Menschen negativer als andere?

Negatives Denken systematisch verändern

Nach Auffassung der Verhaltenstherapie ist unser gewohnheitsmäßiges bzw. automatisches Denken, Fühlen und Verhalten größtenteils erlernt.

Das bedeutet, dass insb. die Summe unserer Erfahrungen bestimmt, wie wir über uns, andere und die Welt denken. Diese Betrachtung der Dinge kann beispielsweise überwiegend optimistisch, pessimistisch, ängstlich oder auch aggressiv sein. 

Doch eine negative Sichtweise muss nicht zwangsläufig ein ganzes Leben lang bestehen. Denn was wir gelernt haben, können wir auch wieder ver- oder umlernen. Aktuelle Forschungsergebnisse aus der Neurobiologie zeigen deutlich: So wie wir unser Gehirn regelmäßig nutzen, so formt es sich.

Und auf dieser Neuroplastizität baut auch die Kognitive Verhaltenstherapie auf.  

Denn ein wichtiges Therapieziel in der KVT ist entsprechend die Verringerung bzw. Veränderung der dysfunktionalen Gedanken. Mit dysfunktionalem Denken sind vor allem extreme, unrealistische, einseitige oder belastende Gedanken gemeint. Hierzu zählen zum Beispiel das Entweder-Oder-Denken, Katastrophen-Denken oder Gedankenlesen.

Da Gedanken im weiteren Sinne als Kognitionen (Wahrnehmen, Aufmerksamkeit, Erinnern, Lernen usw.) bezeichnet werden, nennt man diesen Prozess in der KVT auch kognitive Umstrukturierung. Die problematischen Gedanken bzw. das Stress erzeugende Denken werden Schritt für Schritt, systematisch kognitiv umstrukturiert bzw. funktionaler verändert.

Zum Beispiel erfährt ein Klient mit einer Angststörung in diesem “Umstrukturierungs”-Prozess (mithilfe des ABC-Schemas), wie sein Katastrophendenken mit seiner Angst zusammenhängt. Außerdem lernt er sein Angst erzeugenden Gedanken bewusst wahrzunehmen, sie kritisch zu hinterfragen und hilfreichere Gedanken einzuüben, um sich besser zu fühlen.

Der Dialog von Sokrates

Insbesondere das Hinterfragen von dysfunktionalen Gedanken spielt in der kognitiven Umstrukturierung eine zentrale Rolle.

Der Therapeut lässt dabei seine persönliche Meinung außen vor und verzichtet auf Suggestivfragen, um den Klienten möglichst nicht zu beeinflussen.

Anstatt ihn also zu fragen: “Glauben Sie nicht auch, dass sich Ihr extremes Denken auf Dauer nicht schädlich auf Ihr Leben auswirkt?”,  stellt der Therapeut eine offene Frage, die den Klienten zum Nachdenken anregen soll.

Beispiel: “Welche Vorteile bzw. Nachteile hat dieses Denken für Sie?”

Er geht dabei systematisch nach einer bewährten und wissenschaftlich gut erforschten Methode vor. Dieses gezielte Hinterfragen heißt in der Kognitiven Verhaltenstherapie “Sokratischer Dialog”,  der auf den Dialog von Sokrates, einem griechischen Philosophen, zurückgeht. 

Beispielsweise belehrte Sokrates seine Schüler nicht, indem er ihnen sagte, was richtig oder falsch ist, sondern er stellte ihnen geeignete Fragen, durch die sie die Möglichkeit bekamen, selbst zu wichtigen Erkenntnissen zu gelangen.

Anstatt nach den Ursachen der (irrigen) Meinungen seiner Schüler zu forschen oder diese gar zu beurteilen, förderte Sokrates mit seiner Art des Hinterfragens das eigenverantwortliche und selbstbestimmte Denken seiner Gesprächspartner.

Unter anderem nahm Sokrates die Rolle des “Unwissenden” ein und stellte seinen Schülern “naive” und offene Fragen. Das heißt, er mischte sich weder in ihr Leben ein, noch sagte er ihnen, was sie tun sollen (= inhaltliche Ebene).

Sondern er half Menschen auf einer prozessualen Ebene, ihre dysfunktionale Denkweise so zu verändern, dass diese selbständig wichtige Einsichten für ein besseres Leben gewinnen konnten.

Hilfe zur Selbsthilfe

Ähnlich verhält es sich mit diesem alten chinesischen Sprichwort, was die Hilfe zur Selbsthilfe im sokratischen Dialog meines Erachtens nochmals veranschaulicht:

“Wer jemanden einen Fisch schenkt, gibt ihm für einen Tag zu essen.
Wer ihm das Fischen lehrt, gibt ihm ein Leben lang zu essen.”

Auch KVT Therapeuten geben ihren (“hungrigen”) Klienten in der Regel keine inhaltlichen Ratschläge (“Fische”), sondern sie leiten sie Schritt für Schritt an, bis sie selbst darauf kommen, wie man einen Fisch fängt. Zusätzlich zeigen sie, wie man Fische genau fängt (= Rollenmodell) und geben gleichzeitig praktische Werkzeuge an die Hand, mit denen die Klienten selbst gut fischen können :-)

Die Klienten bekommen so die Möglichkeit selbstwirksam, aus sich selbst heraus, eine konstruktivere Denkweise und auch bessere Bewältigungsstrategien für einen lösungsorientierteren Umgang mit zukünftigen Herausforderungen zu entwickeln.

Deshalb nennt man den sokratischen Dialog in der KVT auch “Geleitetes Entdecken“. 

Anstatt dem Klienten mit der Frage, “Glauben Sie nicht, dass Ihre Art zu denken auf Dauer schädlich ist?”, fragt der Therapeut zum Beispiel nach dem Nutzen von dysfunktionalen Gedanken: “Wie fühlen und verhalten Sie sich, wenn Sie diesen Gedanken glauben?” 

Anmerkung

Der sokratische Dialog ist hier im Kontext eines laufenden psychotherapeutischen Prozesses zu sehen.

Das bedeutet unter anderem, dass im Vorfeld eine organische Abklärung durch einen (Fach-)Arzt stattgefunden hat.

Weitere Voraussetzungen für die erfolgreiche Anwendung des sokratischen Dialogs sind unter anderem die Bereitschaft des Klienten sich zu verändern, aktiv mitzuarbeiten und ein hinreichendes kognitives Verständnis, wie zum Beispiel einen Perspektivenwechsel vorzunehmen.

Auf Therapeutenseite sind vor allem Empathie, Authentizität, hinreichende Transparenz, sorgfältige Psychoedukation und ein “klarer Geist” gefragt.

Entwickeln können Therapeuten diese Fähigkeiten zum Beispiel durch regelmäßiges Praktizieren, professionelle Weiterbildung, Supervision und Selbsterfahrung.

Und wenn Sie sich für die kognitive Umstrukturierung und den sokratischen Dialog interessieren, dann lohnt sich bestimmt ein Blick auf unsere Kognitive Verhaltenstherapie Weiterbildung hier.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Franziska Luschas studierte Psychologie. Danach absolvierte sie die 5-jährige Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Kognitiver Verhaltenstherapie. Sie zeigt auf ihrer Selbsthilfe-Webseite anderen Menschen, wie sie wieder "Boss im Kopf" werden können. Sie liebt die Natur, lebt umweltfreundlich und unterstützt den Tierschutz.

P.S.
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P.P.S.
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Kommentare

  1. Ronnie  am  20.07.17:

    Klasse Erklärung.
    Danke für ihren Aufwand :D

    • Franziska Luschas  am  20.07.17:

      Gerne :-)

  2. Sabina  am  13.07.17:

    Vielen Dank Frau Luschas für so viel konstruktive Informationen.
    Ich finde am aller besten die lern-Videos und freue mich über jedes neue Video.
    Alles liebe
    Sabina

    • Franziska Luschas  am  13.07.17:

      Danke für Ihr Feedback, Sabina :-)