Struktur und Praxisbezug in der mündlichen Prüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie

HeilpraktikerErfolg Mitgliedschaft - Weniger Theorie - Mehr Wissen - LuschasIn den letzten Wochen erhielt ich wiederholt Emails mit Erfahrungen und Fragen zur mündlichen Überprüfung zum Heilpraktiker Psychotherapie.

Dabei ist mir nochmals deutlich geworden, was ich schon in den letzten 5 Jahren bei vielen (angehenden) therapeutisch arbeitenden Menschen beobachten konnte.

Es fehlt oftmals an Struktur, Orientierungs- und Prozesswissen (= Wie-Wissen).

Prüfer spielte einen Klienten mit Prüfungsangst

Eine häufig gestellte Frage zum Thema “Mündliche Überprüfung” erreichte mich beispielsweise vor einigen Tagen, deren Beantwortung auch für andere, die sich auf ihre Prüfung beim Gesundheitsamt vorbereiten, hilfreich sein könnte. 

Selbstverständlich habe ich den nachfolgende Email-Auszug aus Gründen des Datenschutztes anonymisiert.

“Hallo Frau Luschas,

wissbegierig durchforsche ich seit einigen Tagen ihre Homepage :-)

Ich habe gerade meine schriftliche Prüfung zum HP für Psych erfolgreich absolviert und stehe nun kurz vor der mündlichen Prüfung.

Bei der mündlichen bin ich das letzte mal leider durchgefallen.

Knackpunkt war damals, dass ich “kurz” erklären sollte, wie ich bei einem Klienten, z.B. nach Rogers Gesprächspsychotherapie das Thema Prüfungsangst angehen würde, ich sollte das mal eben vormachen, der Prüfungsausschuss wäre der Klient.

Was würde ich sagen etc. und wie das dann z.B. bei der Verhaltenstherpapie wäre, auch das sollte ich “mal eben” vormachen.

Dabei haben mich dann quasi alle guten Geister verlassen und ich habe alles durcheinander gewürfelt was nur ging. Ich konnte mir nicht genau vorstellen, wie das mit “mal eben” gemacht werden sollte und was die genau hören wollen.

Ich würde mich Freuen, wenn Sie hierfür einen Tipp für mich hätten, wie man solch eine Frage kurz und schnell für den Prüfer beantworten kann und auf welche Unterschiede genau die wohl aus sind.

Vielleicht ist meine Frage ja noch ein kleiner Anreiz für Sie, so etwas noch einmal in Ihrem Blog mit aufzunehmen.”

Wie Sie Ihr Wissen in der mündlichen Prüfung am Fallbeispiel systematisch anwenden können

Die nachfolgenden Hilfestellungen geben mein praktisch gemachtes Erfahrungs- und Orientierungswissen wieder, dass Ihnen dazu dienen soll, in Ihrer mündlichen Überprüfung an einem vorgegebenen Fallbeispiel strukturierter vorzugehen.

Vielen Prüflingen fällt es häufig schwer, ihr umfangreiches Lehrbuchwissen (= WAS Wissen) konkret auf die Situation in der Prüfung umzusetzen (= WIE Wissen), insbesondere wenn der Prüfer Transferfragen stellt.

Meiner Erfahrung nach mangelt es den meisten Prüflingen nicht an Lehrbuchwissen, sondern an einer strukturierten Vorgehensweise und einem konkreten Praxisbezug (= Umsetzung des Wissens).

Damit Sie Ihr WAS Wissen in der Prüfungssituation am Fallbeispiel bzw. im Rollenspiel auch konkret anwenden können, brauchen Sie eine bewährte Prozess-Struktur (WIE Wissen), die ich Ihnen hiermit auf den Weg in Ihre mündliche Überprüfung geben möchte und anhand der Sie Ihr Detailwissen zum Lösen von Transferaufgaben einflechten können.

Beispiel einer systematischen und praktisch gemachten Prozess-Struktur anhand der obigen Prüfungsfrage

1. Frage

“Knackpunkt war damals, dass ich “kurz” erklären sollte, wie ich bei einem Klienten, z.B. nach Rogers Gesprächspsychotherapie das Thema Prüfungsangst angehen würde, ich sollte das mal eben vormachen, der Prüfungsausschuss wäre der Klient.

Anleitung zum schrittweisen Vorgehen

1. Schritt: Machen Sie sich klar, um was es genau geht.

  • Um Prüfungsangst als Diagnose und um Gesprächspsychotherapie nach Rogers als psychotherapeutisches Verfahren.

2. Schritt: Damit Sie den Überblick behalten, ist es vernünftig komplexe Fragen in einzelne, logische Teile zu zerlegen.

  • Überlegen Sie sich also zunächst, was Prüfungsangst ist und was die typischen Symptome sind. 
    Also zum Beispiel: spezifischer Auslöser, Erwartungsangst, Vermeidungsverhalten, vegetative Symptome (Zittern, Diarrhö, kalter Schweiß)
  • Was ist Gesprächspsychotherapie und welche zentralen Annahmen liegen ihr zugrunde? Zum Beispiel:  Humanistisches Weltbild, das Selbst als zentrales Konzept, Aktualisierungstendenz
  • Was sind die wesentlichen Merkmale der Gesprächspsychotherapie nach Rogers? 
    Klientenzentriertes, nondirektives therapeutisches Vorgehen (keine Ratschläge und Empfehlungen).
    Umsetzung der therapeutischen Grundhaltung: (1) Echtheit, (2) einfühlendes Verstehen, (3) bedingunsgloses Wertschätzen.
    Klienten mit seinem Erleben, Erfahrungen “Raum” geben.
    Technik des Verbalisierens (Therapeut “spiegelt” dem Klienten mit seinen eigenen Worten vor allem emotionale Inhalte zurück, so wie er es verstanden hat) um Klienten Zugang zum eigenen Empfinden zu erleichtern.
    Evtl. Einsatz von Focusing, um das körperliche Erleben des Klienten zu vertiefen.

3. Schritt: Wie wende ich das Wissen im Rollenspiel oder im Fallbeipiel an?

  • Als “Gesprächspsychotherapeut” fühlen Sie sich empathisch in die Welt ihres Klienten ein und unterstützen ihn mit dem Ziel der Selbstbestimmung, seine eigenen Bedürfnisse, Ängste  und Ziele besser verstehen zu lernen. 
  • Der Klient kommt aus sich selbst heraus, zu tieferen Einsichten, die u.a. durch das “Spiegeln” des Therapeuten gefördert werden sollen, um die Selbstaktualisierungs-tendenz (Reifung der Persönlichkeit) des Klienten zu fördern
  • z.B. “Sie fühlen sich verzweifelt und wissen nicht, wie Sie in der Prüfungssituation reagieren sollen, wenn Sie nicht weiterwissen”

2. Frage

Was würde ich sagen etc. und wie das dann z.B. bei der Verhaltenstherpapie wäre, auch das sollte ich “mal eben” vormachen.

1. Schritt: Was sind die typischen Merkmale der (Kognitive) Verhaltenstherapie?

  • Psychiche Störungen sind “gelernt” und können auch wieder “verlernt werden”, insbesondere durch Techniken der Gegenkonditionierung, wie der systematischen Desensibilisierung
  • Weiter wird mit der operanten Konditionierung (z.B. positive Verstärkung) gearbeitet, d.h. Sie loben ihren Patienten beispielsweise, wenn er das “erwünschte “Verhalten zeigt
  • Negative Emotionen werden durch dysfunktionale Überzeugungen ausgelöst und aufrechterhalten z.B. ” Wenn ich durchfalle bedeutet das, dass ich ein Versager bin”

2. Schritt: Wie wende ich das Wissen im Rollenspiel oder im Fallbeipiel an?

  • Als “Verhaltenstherapeut” lenken Sie das Gespräch (direktive Vorgehensweise). Im Rahmen der Psychoedukation erklären Sie Ihrem Patienten zum Beispiel wie Angst entsteht und aufrechterhalten wird. Weiterhin informieren Sie ihn über die verhaltenstherapeutische Vorgehensweise, insb. das Expositionstraining bei Angststörungen.
  • Im Rahmen der systematischen Desensibilisierung zeigen Sie dem Patienten eine Entspannungstechnik und üben Sie mit ihm ein. Sie leiten ihn an, eine Angsthierachie zu erstellen und führen eine Exposition in sensu durch. Ferner eignen sich Methoden wie Rollenspiele und Modelllernen.
  • Sie führen Ihren Klienten in das ABC-Modell ein und hinterfragen seine dysfunktionalen Gedanken mithilfe des Sokratischen Dialogs im Rahmen der Kognitiven Umstrukturierung.

Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dass Sie die wichtigen Merkmale bekannter Psychotherapieverfahren (z.B. Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologische Verfahren, Gesprächspsychotherapie, Systemische Therapie) kennen und wissen, bei welchen Störungen man welche Methoden i.d.R. anwendet.

Bei der Kognitiven Verhaltenstherapie kann es da durchaus richtig praktisch werden. 

Nachtrag (19. Januar 2013): “Prüfer spielte einen Klienten mit Prüfungsangst”

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Franziska Luschas studierte Psychologie. Danach absolvierte sie die 5-jährige Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt auf Kognitiver Verhaltenstherapie. Sie zeigt auf ihrer Selbsthilfe-Webseite anderen Menschen, wie sie wieder "Boss im Kopf" werden können. Sie liebt die Natur, lebt umweltfreundlich und unterstützt den Tierschutz.

P.S.
Im Kommentarbereich, weiter unten, können Sie auch Ihre Fragen, Hinweise und Erfahrungsberichte hinterlassen. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen.

P.P.S.
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Kommentare

  1. Lena schreibt:

    Hallo,
    Ich bin etwas verzweifelt ich habe die mündliche Prüfung nicht bestanden. Obwohl ich sehr viel gelernt habe, klinisch habe ich 1 frage gestellt bekommen sonst nur wie ich therapeutische vorgehe. Irgendwie war alles nicht gut genug. Auf das erste psychoedukativ meinte die Ärztin naja übers Krankheitsbild kann man sich ja selbst informieren und das Sport gut ist sollte selbstverständlich sein. Also so ganz versteh ich das ehrlich gesagt nicht. Letztendlich wurde nichts von den großen Krankheitsbildern gefragt. Suizidalität ist nicht näher drauf eingegangen worden. Also die wollten von mir ein komplettes Therapienkonzept.

    • Franziska Luschas schreibt:

      Hallo Lena,

      aus Gedächtnisprotokollen von der mündlichen Heilpraktiker Psychotherapie Prüfung (zum Beispiel in Ansbach, Nürnberg, Freiburg, Mainz, Hannover oder Chemnitz) weiß ich, dass die Prüfer oftmals anhand eines oder mehrerer Fallbeispiele u.a. nach der Diagnose, Differenzialdiagnose und dem therapeutischen Vorgehen fragen.

      Das ist meines Erachtens sinnvoll, da Sie als Heilpraktikerin für Psychotherapie (HPG) – u.a. im Rahmen der Sorgfaltsplicht – psychische Störungen behandeln dürfen.

      HeilpraktikerErfolg Tipp:

      Mittlerweile gibt es gute Bücher mit zahlreichen Fallbeispielen oder Online-Kurse, mit denen Sie sich auf die mündliche Prüfung vorbereiten können.

      Die Gedächtnisprotokolle Ihres Prüfungsamtes können Ihnen zusätzlich wertvolle Hinweise darauf geben, zu welchen Themen besonders häufig und wie detailliert gefragt wird.

      Manche Prüflinge finden auch Prüfungssimulationen, zum Beispiel innerhalb von Lerngruppen hilfreich.

      Viele Grüße

      Franziska Luschas