Expositionsverfahren Überblick: Systemat. Desensibilisierung + Flooding

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Die Lebenszeitprävalenz für Angststörungen wird nach Untersuchungen auf ca. 15 bis 20% geschätzt (vgl. Gesundheitsberichterstattung des Bundes Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt, Heft 21 Mai 2004). Somit gehören sie zu den häufigsten psychischen Störungen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie als praktizierender Heilpraktiker für Psychotherapie von Menschen mit krankheitswertigen Ängsten aufgesucht werden, ist demnach relativ hoch.

Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, wenn die Prüfer in der mündlichen HPP Prüfung häufig nach Angststörungen und deren Behandlung fragen.

Mittel der (Therapie-)Wahl bei Phobien, Panikstörungen oder Zwängen ist die Kognitive Verhaltenstherapie mit ihren wissenschaftlich fundierten Konfrontationsverfahren.

Deshalb empfehle ich Ihnen als (angehenden) Heilpraktiker der Psychotherapie, sich mit diesem Thema etwas näher zu beschäftigen.

Einen ersten Überblick über die gängigen Konfrontationsverfahren erhalten Sie hier in diesem Artikel und im Video weiter unten.

Habituation bei Konfrontation und Exposition

Manchmal werde ich von Prüflingen gefragt, was der Unterschied zwischen Konfrontation und Exposition ist und welcher Begriff davon richtig ist.

Viele Autoren verwenden die Begriffe (Reiz-)Konfrontation und Exposition synonym.

Konfrontation heißt im Rahmen einer Angsttherapie, sich gezielt mit dem angstauslösenden Reiz (z.B. bestimmte Situationen, Personen, Gefühle, Gedanken oder Körperempfindungen) – nach bestimmten Regeln – auseinanderzusetzen (=Reizkonfrontation).

Häufig wird der Begriff Konfrontation als Oberbegriff für alle Verfahren verwendet, bei denen sich der Patient mit einem von ihm gefürchteten Reiz (Beispiele: Spinnen, Höhe, andere Menschen oder Einkaufen) konfrontiert.

Bei der Exposition setzt sich der Betreffende ebenfalls (wiederholt) einem angstauslösenden Reiz aus.

Im Idealfall bleibt der Betreffende so lange in der angstauslösenden Situation bis seine Angst von selbst abgeklungen ist, das heißt die Erregung nachlässt, sie also habituiert (Habituation = Gewöhnung).

Deshalb spricht man gelegentlich bei Konfrontations- bzw. Expositionsverfahren auch von Habituationstraining.

Die genauen Wirkmechanismen der Expositionsverfahren sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Man nimmt an, dass durch die Exposition eine Habituation der Angstreaktionen (über physiologische Erschöpfung) erreicht wird.

Eine Panikattacke “erschöpft” sich also i.d.R. nach einiger Zeit (oft zwischen 5 – 30 Min.) aus physiologischen Gründen von selbst.

Dabei macht der Patient die wichtige Erfahrung, dass die katastrophisierenden Kognitionen (Gedanken, Vorstellungen) nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Exposition: Vermeidungsverhalten verhindern

Ein erfolgreiches Expositionstraining setzt voraus, dass der Patient die gefürchtete Situation und die daraus resultierenden negativen Gefühle (z.B. Angst, Unruhe etc.) weder motorisch (z.B. weglaufen) noch kognitiv (z.B. an etwas anderes denken) vermeidet.

Typisches Vermeidungsverhalten zeigt sich v.a. in Form von Flucht- und Sicherheitsverhalten oder Ablenkungsstrategien.

Beispiele hierfür können sein:

  • Eingeschaltetes Handy
  • Angstdämpfende Drogen (Bsp. Alkohol) oder Medikamente (Bsp. Tranquilizer)
  • Anwesenheit bzw. Beruhigung durch eine (nahestehende) Person
  • Unterdrückung der Angstgefühle
  • Die Handlung wird nicht vollständig ausgeführt (z.B. Türgriff wird nur mit Fingerspitzen anstatt mit ganzer Hand berührt)
  • Kognitive Ablenkungen, wie (Selbst-)Gespräche (“Es ist ja gleich vorbei”), Fokussierung auf andere Situationen oder Gegenstände

Ziel der Konfrontation ist demnach, das Angst aufrechterhaltende Vermeidungsverhalten zu verhindern, damit der Patient zunehmend die wichtige Erfahrung machen kann, dass seine Angst zunächst zwar ansteigt, aber dann auch wieder sinkt.

Der Rückgang der psychophysiologischen Anspannung (Habituation) zeigt dem Patienten, dass die angstauslösende Situation erträglich ist, weil die befürchteten katastrophalen Befürchtungen (Beispiele: “Ich sterbe”, “Alle wenden sich von mir ab”, “Ich werde verrückt”) ausbleiben.

Das wiederum hilft ihm, diese und andere falsche Überzeugungen (“Ich halte das unmöglich aus”) zu korrigieren und Situationen sw. körperlichen Reaktionen zunehmend realistischer einzuschätzen, wodurch sich neue (funktionale) Verhaltensmuster entwickeln können.

In sensu und in vivo, graduiert und massiert

Es gibt verschiedene Formen der Exposition.

Gewöhnlich wird unterschieden zwischen Expositionsübungen in vivo, in sensu, massiert oder graduiert.

Bei der Exposition in sensu setzt sich der Patient dem angstauslösenden Reiz in der Vorstellung aus. Beispielsweise stellt er sich bei Höhenangst vor, wie er auf einem Balkon im 2. Stock steht.

Sucht er den Balkon tatsächlich auf, dann spricht man von Exposition in vivo, d.h. die Konfrontation mit der angstauslösenden Situation findet tatsächlich (in der Realität) statt.

Normalerweise sind die physiologischen und körperlichen Reaktionen (Herzklopfen, flaches Atmen, Übelkeit, Schwindel, Schwitzen, Zittern, kalte Hände und Füße, Taubheit und Kribbeln in Körperteilen, Unwirklichkeitssymptome usw.) auf Reize in sensu (deutlich) geringer als die Reaktionen auf Reize in vivo.

Zudem können die Expositionsübungen graduiert (auch graduell), das heißt allmählich und abgestuft, angefangen mit dem am wenigsten angstauslösenden Reiz (z.B. Anblick eines Hochhauses) durchgeführt werden. Oder Sie erfolgen massiert (plötzlich und intensiv), d.h. sie beginnen gleich mit dem stärksten angstauslösenden Reiz (z.B. Ausblick vom höchsten Gebäude der Stadt).

Eine Konfrontation kann mit und ohne vorher eingebübte Bewältigungsstrategien (z.B. Entspannung, Achtsamkeitsübungen, Selbstverbalisation, Realitätskontrolle, Aufmerksamkeit nach außen richten, Bauchatmung, Rollenspiele) praktiziert werden.

Eine genaue Trennung der einzelnen Konfrontationsverfahren ist relativ schwierig.

In der Praxis werden oft pragmatische Mischformen angewandt, wobei das genaue Vorgehen u.a. von der Art der psychischen Störung sowie von Patienten- und Therapeutenvariablen (z.B. Erfahrungen, Präferenzen, theoretische Ausrichtung, Motivation des Patienten etc.) abhängig ist.

Video für (angehende) Heilpraktiker Psychotherapie: Konfrontationsverfahren

Da nach den Konfrontationsverfahren in der schriftlichen und mündlichen Heilpraktikerprüfung immer wieder gefragt wurde, gebe ich im folgenden Lernvideo einen kurzen Überblick darüber.

Sie erfahren unter anderem,

  • was der Unterschied zwischen Konfrontation und Exposition ist.
  • wie eine Systematische Desensibilisierung abläuft.
  • was der Unterschied zwischen Systematischer Desensibilisierung und Habituationstraining ist.
  • was eine Implosionstherapie ist.
  • was Sie beim Flooding in vivo beachten sollten.
  • wann das Flooding gewöhnlich Anwendung findet.
  • Beispiele für wichtige Arten der Exposition.
  • bei welchen psychischen Störungen Expositionstraining indiziert sind.
  • wann Expositionstherapie kontraindiziert ist.
  • wo Sie kostenlose und auch zahlungspflichtige HPP Lernmaterialien (Handouts, Mindmaps, Übersichten, Lernvideos, Online Kurse) finden.

Um das Video zu starten, klicken Sie auf den Wiedergabeknopf oder auf das Bild unterhalb dieses Textes. Mit einem erneuten Klick können Sie jederzeit pausieren.

Quellen

  • Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Robert Koch-Institut in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt, Heft 21, Mai 2004, Angststörungen.
  • Leibling, E. et al. Das große Lehrbuch der Psychotherapie. Bd.3 : Verhaltenstherapie (4. Auflage). CIP-Medien.
  • Lieb, K. et al. Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie (8. Auflage). Urban & Fischer.
  • Ofenstein, C. Lehrbuch Heilpraktiker für Psychotherapie (3. Auflage). Elsevier.
  • Rettenbach, R. Die Psychotherapie-Prüfung (1. Auflage). Schattauer.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Franziska studierte Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Danach absolvierte Sie erfolgreich die 5-jährige Psychologische Psychotherapeutenausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie beim IVS Nürnberg. Nach 10-jähriger psychotherapeutischer Tätigkeit leitet sie mit Uwe Luschas die piKVT Ausbildung für (angehende) Heilpraktiker Psychotherapie. Außerdem hilft sie mit ihrer Selbsthilfe-Webseite BossImKopf.de tausenden Menschen, mehr "Boss im Kopf" zu werden.

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P.P.S.
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