Kognitive Verhaltenstherapie Fortbildung für Heilpraktiker Psychotherapie: Das “Klopfen”

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Im Rahmen unserer integrativen und praktischen Fort- bzw. Weiterbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie (= piKVT), einem anerkannten Richtlinienverfahren der Psychotherapie, ist der X Prozess ein integrativer Bestandteil.

Deshalb gehe ich heute auf einige merkwürdige Annahmen, schnell gefällte Meinungen oder scheinbar sichere Glaubensgrundsätze ein, die manche Leser oder Interessierte automatisch haben, wenn sie erfahren, dass wir im X Prozess unter anderem leicht mit den Fingern “klopfen”.

Da kommt bei ihnen plötzlich die unbeirrbare, “richtige” Vermutung hoch, dass es ich bei der X Prozess Grundtechnik nur um das “Klopfen” oder die “Klopftechnik” á la EFT oder aus der sog. Energiepsychologie handeln kann.

Da frage ich mich dann, ob für diese Leute alle Autos gleich sind? Wahrscheinlich nicht.

Oder ist Angst gleich Angst? Kaum, weil es bei genauerem Hinsehen wesentliche Unterschiede gibt.

Ist Farbe gleich Farbe? Nein, denn das Wort “Farbe” ist wie ein Behälter. Was wirklich drin ist, sollte erst genauer geklärt werden.

Warum es auf die Idee, dem Konzept oder der Bedeutung hinter dem Wort “Klopfen” ankommt

Trotzdem denken manche beim Wort “Klopfen” nur an die Emotionale Freiheitstechnik (z.B. nach Gary Craig) oder andere ähnliche, auf dem anscheinend schlüssigen Konzept der Energieblockaden aufgebauten Klopf- und Drücktechniken.

Und obwohl wir immer wieder deutlich drauf hinweisen, dass bei uns hinter der Bezeichnung “Klopfen” etwas aus der wissenschaftlich belegten Verhaltenstheorie bzw. Verhaltenstherapie steht, glauben einige einfach unkritisch ihren Gedanken, Überzeugungen, Annahmen so stark und unflexibel, dass hinter der Wortkategorie “Klopfen” anscheinend nur die Energiepsychologie oder EFT stecken kann.

Etwas anderes kommt ihnen häufig gar nicht in den Sinn.

Die Hartnäckigkeit mit der das einfach mal geglaubt, angenommen oder vermutet wird, ist meines Erachtens erstaunlich, ja sogar bedenklich.

Denn wenn Sie unkritisch annehmen, ein Wort oder eine Bezeichnung hat für jeden immer die gleiche Bedeutung wie für Sie, dann kann das zu erheblichen Missverständnissen, Verwirrungen oder in schlimmeren Fällen zu unnötigen, teilweise aggressiven Verteidigungsverhalten z.B. im Sinne von “ich habe recht” oder “das ist so” kommen.

Aber das alles muss nicht so sein, wenn Sie sich klar machen, dass es auf die Idee, dem Konzept oder der Bedeutung hinter dem Wort ankommt.

Denn ein Wort ist nur ein Wort.

Es kommt auf die konkreten Merkmale bzw. Bedeutungszuschreibungen hinter einem Wort an, damit wir uns auf Augenhöhe sinnvoll verständigen und die schnell gemachten gedanklichen Vermutungen bzw. Meinungen bewusst beiseitelassen können.

Erst dann kann echte Kommunikation und richtiges Verständnis bzw. Verstehen beginnen.

Das ist auch einer der Hauptgründe, warum in jeder guten (wissenschaftlichen) Arbeit, vor dem eigentlichen Hauptteil, wichtige Worte bzw. Bezeichnungen schrittweise konkretisiert und somit geklärt werden sollen.

Die Verfasser wollen dadurch Missverständnissen, Verwirrungen oder häufig unbewusst getroffenen Vorurteilen von Anfang an vorbeugen. Sie erklären deshalb zuerst ganz genau, was unter dem zentralen Wort, Konzept oder der Idee verstanden wird bzw. damit konkret gemeint ist.

Meines Erachtens hat diese vernünftige, logische Vorgehensweise auch für die Leser große Vorteile, weil sie von Anfang an genau wissen, um was es konkret geht und dann auch schon ziemlich früh entscheiden können, ob sie weiterlesen bzw. das Thema vertiefen wollen oder nicht.

Außerdem lernen sie, warum und wie sie achtsamer mit dem Medium Sprache umgehen können, z.B. indem sie schwammige oder unklare Wörter kurz hinterfragen, wie z.B. mit der Frage: “Was genau meinst Du damit?“.

Wahrscheinlich haben Sie diese Frage selbst schon des Öfteren im Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis gestellt.

Daher empfehle ich Ihnen: Nehmen Sie nicht einfach, ja fast naiv, an, dass Sie bereits zu 100% vorab wissen, was Wort “Klopfen” im Kontext des X Prozesses nun konkret bedeutet.

Denn es kommt darauf an, welche konkreten inhaltlichen Merkmale (= Bedeutung) wir dem “Klopfen” zuordnen, mit welchen anderen Inhalten es verknüpft ist und auf welcher Basis es aufbaut.

Kurz gesagt, geht es um ein Verständnis des dahinterliegenden Konzepts, der Grundidee bzw. des Bedeutungsinhalts, damit eine sprachliche Bezeichnung wie “Auto, Angst, Farbe oder Klopfen” in unserem Kontext (= X Prozess) die richtige Bedeutung für Sie und uns bekommen kann.

Erinnern Sie sich: Auto ist nicht gleich Auto, Angst ist nicht gleich Angst, Farbe ist nicht gleich Farbe und auch “Klopfen” ist nicht gleich Klopfen ;)

Warum wir das “Klopfen” im X Prozess als Muster-Unterbrechung verstehen und verwenden

Die Grundidee für den Einsatz des Klopfens kommt bei uns aus der wissenschaftlich belegten Kognitiven Verhaltenstherapie und heißt:

Muster-Unterbrechung

Wenn bei Ihnen bspw. vor einer Prüfung oder einem Vortrag angstbesetzte Gedanken hochkommen und Sie darin verweilen, dann machen sich auch Angstgefühle in Ihnen breit. Kommt das öfters vor, dann wird daraus über die Zeit hinweg ein sog. (Reaktions-) Muster, was bald hinter Ihrem Rücken automatisch zu wirken anfängt.

Sie denken dann nur kurz an die bevorstehende Prüfung oder dem Vortrag vor 30 Leuten und schon stellt sich das Gefühl einer Angst, z.B. vor dem Versagen, mehr oder weniger stark ein. Wie beim Autofahren, scheint das häufig wie von selbst zu passieren. Sie schauen, kuppeln und drücken auf das Gaspedal ohne viel nachzudenken, weil das Gelernte durch ausreichende Übung praktisch automatisiert abläuft.

Es hat sich ein Muster gebildet.

Auch wenn wir uns ärgern, Sorgen machen oder perfekt sein wollen, aktivieren wir unbewusst ein schon früh erlerntes Muster und fühlen uns dann scheinbar ohne unser Zutun wütend, schlecht oder minderwertig. 

Aber mit solchen Mustern kommen Sie i.d.R nicht auf die Welt.

Oder hatten Sie schon als Baby Angst mit anderen zu spielen?

Die meisten in uns ablaufenden Muster sind erlernt. Wir schauen sie bereits im frühsten Kindesalter von unseren Eltern, anderen Familienmitgliedern, Freunden, Bekannten, Lehrern, den Medien, unserer Kultur unbewusst ab.

Die gute Nachricht ist: Weil diese (häufig nicht mehr hilfreichen) Muster gelernt sind, können wir sie auch wieder verändern.

Das hat die Kognitive Verhaltenstheorie und Verhaltenstherapie schon lange bewiesen. Aber bevor wir ein Muster verändern können, müssen wir es regelmäßig und bewusst unterbrechen, weil sonst alles seinen gewohnt negativen Gang geht.

Dazu trägt im X Prozess das “Klopfen” bei.

Sie merken beispielsweise, dass in Ihnen Gedanken des Versagens hochkommen. Ein ängstliches Gefühl will sich in Ihnen breit machen. Aber anstatt sich in diese Automatik wie gewohnt hineinziehen zu lassen, unterbrechen Sie dieses erlernte Muster, indem Sie am besten sofort mit dem “Klopfen” anfangen.

Hier funktioniert die Muster-Unterbrechung so: Nicht das Gewohnte machen bzw. passieren lassen, sondern bewusst etwas anderes tun.

Also fangen Sie sobald wie möglich mit dem “Klopfen” an, anstatt sich von dem negativen, aber häufig sehr vertrauten Reaktionsmuster dominieren zu lassen. Das ist am Anfang vielleicht noch etwas ungewohnt, aber bei regelmäßiger, geduldiger und achtsamer Anwendung werden Sie positive Veränderungen in Ihrem Denken und Fühlen feststellen.

Denn das Gehirn formt sich so, wie Sie es benutzen. In der modernen neurobiologischen Forschung heißt das auch Neuroplastizität.

Je öfters, schneller und bewusster Sie Ihre gewohnt negativen, abwertenden etc. Gedanken oder Gedankenketten unterbrechen, desto weniger wird sich das hochkommende schlechte Gefühl in Ihnen ausbreiten. Was dann auch dazu führen kann, dass Sie sich ganz andere Gedanken machen, wie z.B. “Jetzt wiederhole und vertiefe ich den Prüfungsstoff bei einer Kanne Tee. Dann gehe ich frühzeitig ins Bett, um morgen ausgeschlafen in die Prüfung oder in den Vortrag gehen zu können.

Sie haben beim Lesen vielleicht gerade schon den Unterschied deutlich gemerkt bzw. gefühlt.

Das ist die schon seit langem wissenschaftlich belegte
Wirksamkeit der Muster-Unterbrechung:
Nicht dahin, sondern dorthin
Nicht wie gewohnt ins Negative, sondern
etwas Anderes, etwas Neues machen, wie z.B. “Klopfen”

Und im X Prozess sind neben der Muster-Unterbrechung des “Klopfens” noch weitere eingebaut, wie beispielsweise

  • das bewusste Atmen,
  • die gesprochenen positiven Affirmationen,
  • die bilaterale Stimulation,
  • der Wohlfühlanker,
  • die positiven Gefühle von Frieden und Danke,
  • die leichte Trance (falls Sie die Augen dabei schließen können),
  • das Fokussieren auf eine und nur eine Situation,
  • die Skalierung,
  • das Erden,
  • das Schütteln der Arme und Beine,
  • gezielte Imaginationsübungen
  • und noch viele mehr.

Wie gerade verdeutlicht, verstehen wir unter dem “Klopfen” im X Prozess die sehr wirksame, wissenschaftlich belegte und für jeden selbst testbare und erfahrbare Methode der Muster-Unterbrechung:

Anstatt …, jetzt …, wie z.B. Klopfen.

Wenn wir vom “Klopfen” sprechen oder schreiben, dann ist bei uns
die Muster-Unterbrechung die dahinterliegende Grundidee.

Sie beruht zum größten Teil auf den Forschungsergebnissen der Kognitiven Verhaltenstherapie, der modernen Neurobiologie sowie auf den Erfahrungen unserer Klienten, Kursteilnehmern und unseren eigenen Erfahrungen.

Wie Sie nun vielleicht selbst feststellen konnten, hat das Wort “Klopfen” im X Prozess nichts mit Konzepten wie Energieblockaden, Energiesystem oder Energiepsychologie zu tun.

Bei uns ist das “Klopfen” eine von vielen Muster-Unterbrechungen, die den Klienten helfen soll, anstatt sich von gewohnt negativen Reaktions-Mustern beherrschen zu lassen, regelmäßig, geduldig und gezielt etwas anderes zu tun.

Das nenne ich echte, wirksame Hilfe zur Selbsthilfe.

Denn die Klienten können diese Muster-Unterbrechungen jederzeit selbständig anwenden. Was dann auch ihre Autonomie vergrößern, ihr Selbstbewusstsein stärken und schließlich zu mehr Kontrolle über die (Denk- und Reaktions-) Muster in ihrem Kopf führen kann.

Und behalten Sie auch die zentrale Aussage der modernen neurobiologischen Forschung (vgl. Hüther oder Spitzer) im Hinterkopf: So wie Sie Ihr Gehirn benutzen, so formt es sich auch. Wenn Sie oder Ihre Klienten dysfunktionale Gedanken durch das “Klopfen” bewusst unterbrechen, dann bilden sich im Kopf neue, hilfreichere Bahnen und Netzwerke.

Was unserer Erfahrung nach häufig dazu führt, dass bspw. die Prüfungsangst, der selbstgemachte Stress vor dem wichtigen Job-Interview oder der Irrglaube, perfekt sein zu müssen, schrittweise weniger wird und sich von einer vernünftigen Gelassenheit, inneren Ruhe und einer lösungsorientierten Haltung ersetzen lässt.

Deshalb verwenden wir im Rahmen des X Prozesses das “Klopfen” als schnelle, einfach durchführbare, z.B. unbemerkt in Gedanken oder in der Vorstellung, und bewährte Muster-Unterbrechung :-)

Auf Ihren Erfolg!

Uwe Luschas
piKVT und X Prozess Entwickler

Uwe Luschas Bild - X Prozess
Uwe Luschas studierte Psychologie, Management und Technologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Universität Limerick, Irland. Seit 2001 entwickelt er den schnellen, einfachen und wirksamen X Prozess. Er lebt bewusst minimalistisch und veganisch. Sie finden ihn (fast) überall im Internet.

P.S.
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P.P.S.
Im Kommentarbereich, weiter unten, können Sie auch Ihre Fragen, Hinweise und Erfahrungsberichte hinterlassen. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen.

Kommentare

  1. Elvira aus München  am  03.05.17:

    Wow, lieber Uwe, vielen herzlichen Dank für die nochmalige Bewusstmachung der Musterunterbrechung, das mir in den Sitzungen mit Klienten und in den Seminaren zur Erklärung noch besser weiterhilft. So deutlich habe ich die Musterunterbrechung nie erklärt, sondern meinen Fokus beim XProzess auf viele Teilstücke, die im XProzes vereint sind gelegt (Affirmation aus der Hypnose, Klopfakupresssur, Ergebnisse aus der Hirnforschung, Achtsamkeit, Atemübung aus dem Yoga, positive Psychologie wie Danke, Frieden, etc.). Nun ist das Bild für mich sehr abgerundet und ich werde zukünftig auch die Musterunterbrechung ausführlicher und mit noch mehr Wertschätzung erklären. Alles Gute für euch und ich freue mich, wenn wir uns hoffentlich bei Fortbildungen des iKVT wiedersehen. Herzlichst Elvira

    • Uwe Luschas  am  04.05.17:

      Hallo Elvira,

      schön wieder von Dir zu hören :-)

      Danke für Dein Feedback zum Artikel.

      Ich denke, es ist wichtig, transparent zu erklären, warum und wie man zusammen mit den Klienten vorgehen wird. Dass dabei die wissenschaftlich belegte Muster-Unterbrechung, praktisch als eine Form der De-Konditionierung, eine wichtige Rolle spielt, wollte ich nochmals genau herausarbeiten.

      Und ja, wir planen für ehemalige Teilnehmer an unserer praktischen und integrativen Kognitiven Verhaltenstherapie Ausbildung noch eine höhere Stufe für Fortgeschrittene anzubieten, wo wir noch tiefer in den sokratischen Dialog, die Dialog-Technik und häufige Therapeutenfehler eingehen werden. Die Planung dazu läuft und ich werde Dich benachrichtigen, wenn es soweit ist.

      Hoffentlich bis bald.

      Viele Grüße nach München

      Uwe

  2. Marion  am  10.04.17:

    Und wenn sie diese Musterunterbrechung durchführen, dann klopfen sie auch nicht an den Klienten, wie es bspw. EFT-Praktitioner machen?

    Herzliche Grüße aus Hamburg

    • Uwe Luschas  am  10.04.17:

      Das ist richtig, denn das wäre mit unserem wissenschaftlich geprägten und durch die moderne Neurobiologie bestätigen Erfolgsprinzip der Selbstwirksamkeit nicht vereinbar.

      Der Klient “klopft” bei uns selbst an einigen wenigen Punkten und kann diese Entspannung bzw. Musterunterbrechung dann auch selbständig im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe zuhause oder auch in/nach stressigen Situationen durchführen.

      Im Rahmen meiner Serie zum “Klopfen” kommt dazu noch ein ausführlicher Artikel :-)

      Grüße aus dem sonnigen Fürth

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