Syndrome und ihre Zuordnung zu psychischen Störungen in der ICD-10

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Wenn ich mir die zahlreichen Gedächtnisprotokolle aus den mündlichen HPP Prüfungen der letzten Jahre ansehe, stelle ich einen tendenziellen Trend seitens des Ablaufs und des Inhaltes der Prüfung fest.

Die Prüfer fragen immer weniger nach kontextlosem Psychiatrie Lehrbuchwissen und zunehmend mehr nach therapeutischem Anwendungswissen, das zum Teil in Rahmen von Rollenspielen zwischen Prüfer und Prüfling eingebettet ist.

Dazu gehören in erster Linie Fallbeispiele anhand deren der Prüfling eine (Verdachts-)Diagnose, mögliche Differenzialdiagnosen und ein geeignetes (psychotherapeutisches) Vorgehen aufzeigen soll.

Systematisches diagnostisches Vorgehen

Da viele angehende Heilpraktiker für Psychotherapie jedoch kaum über ein praktisches Erfahrungswissen verfügen, sind sie in der mündlichen HPP Prüfung oftmals besonders aufgeregt.

Allerdings hat sich auch gezeigt, dass die Prüflinge, die sich u.a. gut mit dem psychopathologischen Befund auskannten und im diagnostischen Prozess logisch und systematisch vorgingen, entspannter, sicherer und professioneller auf komplexe Fragen reagieren konnten.

Eine Möglichkeit für die systematische Erstellung einer psychiatrischen Diagnose nach ICD-10 ist u.a. die Zuordnung von Einzelsymptomen zu einem Syndrom sowie die gezielte Exploration (u.a. durch Anamnese, strukturiertes Interview, evtl. auch Testverfahren) weiterer Informationen, wie zum Beispiel Ein- und Ausschlusskriterien, Dauer oder Schweregrad.

Deshalb habe ich einen groben Überblick über die typischen psychopathologischen Symptome, dem dazugehörigen Syndrom und dessen Zuordnung zu möglichen ICD-10, (F) Diagnosen erstellt.

Diese 4-seitige Syndrom-Überblickstabelle (PDF Datei zum Herunterladen und Ausdrucken) ist Bestandteil des Online Orientierungspaket zur Vorbereitung auf die mündliche Prüfung (= OPM) und bietet unseren Online Kursteilnehmern eine erste Orientierung und einen praktischen Zwischenschritt beim Erstellen einer (Verdachts-)Diagnose.

Damit Sie wissen, was ich damit genau meine, hier noch 2 Beispiele.

Merkmale des demenziellen Syndroms

Vielleicht bekommen Sie in der mündlichen Überprüfung ein Fallbeispiel. Anhand bestimmter Symptome sollen Sie dazu dann eine Verdachtsdiagnose und mögliche Differenzialdiagnosen erstellen.

In anderen Fällen, z.B. in einem Rollenspiel zwischen Anwärterin und Prüfer, erfragen Sie die Symptome auf Grundlage des psychopathologischen Befunds. Deshalb ist es wichtig, dass Sie den psychopathologischen Befund als Grundlage für die richtige Diagnose gut beherrschen.

Häufig gemeinsam auftretende Symptome oder Symptomkomplexe werden als “Syndrome” bezeichnet, mit deren Hilfe bereits eine Vielzahl von Möglichkeiten an psychischen Störungen ausgeschlossen werden kann. 

Die Syndrom-Überblickstabelle kann Sie also bei der systematischen Diagnoseerstellung als inneres Gerüst in der Mündlichen unterstützen.

Die folgende Frage stammt aus dem Gedächtnisprotokoll einer erfolgreichen Anwärterin, die in Heilbronn 2019 geprüft wurde.

“Dann fragte er nach Kennzeichen für das dementielle Syndrom und welche Ursachen es dafür gibt.

Antwort: Störung der Merkfähigkeit, des Gedächtnisses, der Auffassungsgabe und Konzentration => kognitive Einbußen, oftmals Orientierungsstörungen zur Zeit, Ort, Situation und Person, mangelnde Befähigung das Leben selbst zu planen und zu organisieren, und mangelnde Urteilsfähigkeit. Oftmals kommen noch Störungen der Affektivität, des Antriebs oder psychotische Episoden dazu. Ursachen: Vaskulär oder nach Multiinfarkten – als Folge einer Erkrankung des Gehirns wie Alzheimer, – als Folge einer anderen Krankheit wie zB Parkinson, MS, Aids …”

Das demenzielle Syndrom mit den typischen Symptomen ist übrigens auch in der Syndrom-Überblickstabelle enthalten.

Depressives Syndrom und Anpassungsstörung

In anderen Prüfungsfällen erhalten Sie vielleicht nur unvollständige oder bruchstückhafte Informationen über den Patienten.

In diesen Fällen ist es zunächst hilfreich, wenn Sie die geschilderten Beschwerden bzw. Symptome des Patienten einem Syndrom zuordnen, was sich gewöhnlich durch die berichteten, beobachtbaren (z.B. im Rollenspiel) oder erfragten Symptomen erschließt.

Im Gedächtnisprotokoll eines Prüflings aus Karlsruhe 2019 steht Folgendes:

“Mann, Mitte 50, der sich seit 2-3 Monaten als verändert erlebt, weniger schwungvoll, weniger Appetit, unruhig und mit veränderten Interessen. Außerdem fühle er sich nicht mehr als „ganzer Kerl“.

Dann sollte ich loslegen mit Fragen, um zu einer Diagnose zu kommen. Mein erster Gedanke ging in Richtung depressive Symptomatik und so habe ich erst einmal weiter nachgefragt:

Auch Gewichtsverlust? Ja, 3 kg bei ca. 90kg davor. Wie haben sich die Interessen verändert? Rückzug. Gab es vor 2-3 Monaten einen besonderen Auslöser?

Ja, die Frau hat sich von ihm getrennt. Unerwartet?

Ja, hat neuen Partner. Damit habe ich durch das Zeitkriterium und die geschilderte Situation als Verdachtsdiagnose eine Anpassungsstörung mit depressiver Reaktion in den Raum geworfen.

Dann sollte ich differentialdiagnostisch die Unterschiede zu einer Depression (F3) nennen.

Bei Anpassungsstörung sind es leichtere depressive Symptome und es liegt ein klarer Auslöser vor.”

In diesem Fallbeispiel wurden zunächst einige Symptome genannt, die in Richtung “depressives Syndrom” gehen.

Vom Symptom über das Syndrom zur Verdachtsdiagnose

Syndrome sind ätiologisch unspezifisch.

Es wird also mit der Beschreibung eines depressiven Syndroms noch nichts darüber ausgesagt, ob es sich bspw. um einen depressiven Verstimmungszustand im Rahmen einer affektiven Störung, einer Anpassungsstörung oder einer organischen Störung handelt.

Somit dürfen Syndrome auch nicht mit Diagnosen verwechselt werden.

Syndrome können jedoch als erste Orientierung auf dem Weg zur Diagnose hilfreich sein.

Das depressive Syndrom kann lt. Syndrom-Überblickstabelle bspw. auch bei F0, F1, F2, F4 oder F6 Störungen vorkommen.

Allerdings fehlen im letzten Fallbeispiel u.a. Hinweise auf Bewusstseins- oder Orientierungsstörungen (F0), psychotrope Substanzen (F1), psychotische Symptome (F2) oder tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster (F6).

Durch die Frage nach einem Auslöser (F43) und dem dazugehörigen zeitlichen Kriterium kristallisiert sich schließlich die Anpassungsstörung heraus.

Meine Empfehlung

Wenn die Beschreibung der Symptomatik zu einem bestimmten psychopathologischen Syndrom passt, dann erfragen Sie im weiteren Verlauf der Diagnosestellung zusätzlich auch in Frage kommende Ein- und Ausschluss-, Zeit-, Verlaufs- oder Schwergradkriterien.

Und behalten Sie immer auch eine mögliche organische Differenzialdiagnose bzw. körperliche Abklärung im Auge, wie bspw. beim depressiven Syndrom eine mögliche Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) oder bei einem manischen Syndrom ggf. eine Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion).

Und wenn Sie sich auf die mündliche Prüfung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie vorbereiten, dann kann ich Ihnen auch mein dazugehöriges Online Orientierungspaket empfehlen, in dem Sie unter anderem auch meine Syndrom-Überblickstabelle herunterladen und zum Lernen ausdrucken können.

Die 10 Syndrome in der Überblickstabelle dienen in erster Linie als diagnostisches Grundgerüst beim Erstellen einer (vorläufigen) Diagnose.

Das ist bspw. dann der Fall, wenn Sie noch zu wenige Informationen über den Patienten haben und sich die Diagnose erst durch weiteres Fragen zum psychopathologischen Befund bzw. im Rahmen der Anamnese erschließt.

Die in dem Überblick aufgeführten Syndrome (“Big Ten” nach Paulitsch) decken im Wesentlichen die Phänomene ab, die in der Psychiatrie häufig relevant sind.

Quellenhinweis: Das ausgeteilte Skript von Paulitsch im Rahmen meiner Ausbildung zur psychologischen Psychotherapeutin bzw. Verhaltenstherapeutin und sein Buch, Grundlagen der ICD-10-Diagnostik, UTB GmbH, 1. Auflage.

Hier noch der Link zu meinen zahlreichen Referenzen, wo Sie nachlesen können, wie andere HP Psych. Anwärter, Prüflinge und Heilpraktiker für Psychotherapie das Orientierungspaket Mündliche (OPM) bewerten.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Nachdem Franziska den Diplomstudiengang Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und die 5-jährige Psychologische Psychotherapeuten Ausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie beim IVS Nürnberg erfolgreich abgeschlossen hatte, war sie bis 2017 in eigener Praxis tätig. Jetzt bildet sie (angehende) Heilpraktiker Psychotherapie in Kognitiver Verhaltenstherapie aus. Und sie hilft mit ihrer Bossimkopf Webseite und ihrem Bossimkopf Youtubekanal vielen Menschen, erfolgreich mehr Boss im Kopf zu werden.

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