Was ist der Unterschied zwischen taktiler, zönästhetischer Halluzination und Zönästhesie?

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“Was ist der Unterschied zwischen taktilen Halluzinationen, Dermatozoenwahn, Zönästhesien und zönästhetischen Halluzinationen bzw. Leibhalluzinationen?”

Diese Frage wurde mir in den letzten 10 Jahren von angehenden Heilpraktikern (Psychotherapie) während ihrer Prüfungsvorbereitung immer wieder gestellt.

Besonders HPP Einsteiger können sich zu Beginn ihrer Prüfungsvorbereitung durch die vielen neuen Fachbegriffe überfordert fühlen. Und da ist der Wunsch vieler Prüflinge nach einer klaren Zu- bzw. Einordnung der Begrifflichkeiten, insb. bei dem doch relativ umfangreichen HPP Lernstoff, nur verständlich.

Aber welche Antworten sind dann in der Prüfung richtig?

Anders als in den sog. exakten Naturwissenschaften (u.a. Mathematik, Physik, Chemie) gibt es jedoch in der Psychologie bzw. Psychopathologie selten genaue quantitative oder formal-logisch präzise Aussagen. Das betrifft zum Beispiel Definitionen, epidemiologische Daten oder auch ätiologische Faktoren.

Deshalb finden Sie in den Lehrbüchern zum Teil mehr oder weniger voneinander abweichende Definitionen, Aussagen und Zahlen, je nachdem welchem Paradigma bzw. welcher Schule der Autor angehört, aus welchen Quellen, Studien sie stammen oder in welchem Kontext diese stehen. Die Verwendung veralteter bzw. nicht eindeutiger Begriffe ist zum Beispiel auch ein Kritikpunkt an der ICD-10.

Es ist also keine Seltenheit, wenn Sie in verschiedenen Lehrbüchern auf (leichte) Abweichungen hinsichtlich Definition, Prävalenz oder ursächliche Faktoren bei der Entstehung einer psychischen Störung stoßen. 

“Aber was ist denn dann richtig? Welche Antwort kreuze ich in der schriftlichen HPP Prüfung an? Und was soll ich in der mündlichen Überprüfung sagen?”, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen.

Inhaltlich kann ich Ihnen die Fragen seriöserweise nicht beantworten, da ich nicht weiß, welche Fragen in der schriftlichen Prüfung drankommen oder was Sie die Prüfer in der Mündlichen fragen werden.

Aber meine Erfahrungen zeigen, dass in den meisten vergangenen (schriftlichen) HPP Prüfungen der Unterschied zwischen den einzelnen Antwortmöglichkeiten in der Regel groß genug war, um die Frage beantworten zu können.

Das bedeutet, wenn beispielsweise nach der Lebenszeitprävalenz von Angsterkrankungen gefragt wurde, dann unterschieden sich die möglichen Antworten meist deutlich voneinander.

Je nach Autor und Studie werden hier zum Beispiel zwischen ca. 15% und 20% angegeben.

Deshalb sind die Antwortmöglichkeiten, wie hier in diesem Beispiel, gut zuordenbar.

Antwort A: 15%, Antwort B: 2%, Antwort C: 50%, Antwort D: 5%, Antwort E: 80%

Und bei eventuellen Begriffsschwierigkeiten in der mündlichen Überprüfung haben Sie den Vorteil, dass Sie ggf. nachfragen können. Andererseits wäre es auch denkbar, dass Sie auf die in den Lehrbüchern teils unterschiedlich angegebenen Prävalenzen hinweisen und diese dann auch entsprechend begründen können.  

Taktile Halluzinationen, Dermatozoenwahn, Zönästhesien und Leibhalluzinationen (zönästhetische H.)

Ähnlich verhält es sich mit einigen Symptomen, deren Zuordnung zu einer eindeutigen Störungskategorie im psychopathologischen Befund teils unterschiedlich gehandhabt wird. 

Dazu zählt zum Beispiel der Dermatozoenwahn, den manche Autoren zu den Wahrnehmungsstörungen (chronische taktile Halluzinosen) zählen, andere Autoren wiederum den inhaltlichen Denkstörungen (Wahn) zuordnen.

Einige Autoren fassen zum Beispiel auch die taktilen Halluzinationen und zönästhetischen Halluzinationen zu Körperhalluzinationen zusammen. Andere Autoren wiederum verwenden die Zönästhesien und die zönästhetischen Halluzinationen synonym.

Unabhängig wie jedoch die Einteilung erfolgt, möchte ich hier nochmals einen kurzen Überblick über die wichtigsten Halluzinationen geben, da sie relevante Symptome von organischen, schizophrenen und affektiven Psychosen darstellen, die Sie als Heilpraktiker Psychotherapie (im Sinne von “Keine Gefahr für die Volksgesundheit’) kennen und erkennen sollten. 

Die folgenden Informationen habe ich basierend auf verschiedenen Quellen erstellt. Unter anderem aus Fachbüchern für Mediziner, Psychologen und Heilpraktiker Psychotherapie.

Außerdem habe ich meine persönlichen Handouts aus meinem Diplomstudiengang Psychologie hinzugezogen, z.B. aus dem Medizinischen Untersuchungskurs Psychiatrie / Psychopathologie in der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen bei Prof. Dr. Johannes Kornhuber bzw. Dr. Thomas Kraus oder aus meinem Hauptfach Klinische Psychologie bei Prof. Dr. Friedlich Lösel.

Zusätzlich ließ ich die Erfahrungen aus meiner 4.200-stündigen Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin und die 6.820 Praxisstunden als Diplom-Psychologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie einfließen.

Und obwohl ich dieses Thema sorgfältig und ziemlich lange und intensiv recherchiert habe, kann ich keine Gewähr auf Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität geben.

Ziehen Sie bei Zweifeln oder Unklarheiten auch andere, möglichst seriöse Quellen, wie z.B. Fachbücher, Dozenten, Handouts selbständig hinzu.

Die chronische taktile  Halluzinose und der Dermatozoenwahn

Bei der taktilen (haptischen) Halluzination fühlt der Patient oder Betreffende eine Berührung, Druck oder Schmerzen, die nicht da sind, z.B. “Ich habe plötzlich gespürt wie mir warmes Wasser über die Hände läuft.” Typisch ist dabei das Gefühl “des von außen Gemachten”.

Eine Sonderform ist die chronische taktile Halluzinose, bei der sich mehr oder weniger fortlaufende Berührungs-Missempfindungen in Form von Kribbeln, Brennen, Krabbeln u.a. finden. 

Dazu gehört beispielsweise der Dermatozoenwahn, Missempfindungen auf der Haut (ohne Reiz von außen), die auf kleine krabbelnde Tierchen auf oder unter der Haut zurückgeführt werden. Häufig sind die Betroffenen wahnhaft überzeugt, an einer Hautkrankheit durch eingedrungene tierische Erreger (Parasiten) zu leiden.

Deshalb wird die chronische taktile Halluzinose auch Dermatozoenwahn genannt und von manchen Autoren unter den inhaltlichen Denkstörungen aufgeführt.

Den Dermatozoenwahn finden Sie übrigens in der ICD-10 unter F06.0 (organische Halluzinose).

Bei älteren Menschen mit organischen Psychosen (F0 Störungen) sind chronische taktile Halluzinosen häufiger anzutreffen.

Der Dermatozoenwahn kommt ebenfalls bei organischen Psychosen (z.B. Demenz) vor, aber auch bei Kokain- oder Amphetaminmissbrauch, im Alkoholentzug mit Delir, Schizophrenie oder Depressionen mit hypochondrischer Färbung.

Zönästhesien und zönästhetische Halluzinationen

Zönästhesien sind bizarre Leibempfindungen, z.B. inneres Verfaulen, Wärme oder Feuer im Körper, seltsame, unerträgliche Schmerzen. Vom Patienten werden sie oft schwer oder nur mit bizarren Vergleichen beschrieben („als ob“). Beispiel: “Im Hoden ist so ein eigenartiges Ziehen, als ob eine Eisenkugel daran hinge.” 

Sie werden vom Patienten nicht als von außen gemacht empfunden und können u.a. auftreten bei dissoziativen Störungen, organischen psychischen Störungen, Hypochondrie oder zum Beispiel (somatisierter) Depression.

Kommen wir nun zu den zönästhetischen Halluzinationen, die auch Leibhalluzinationen genannt werden.

Ähnlich wie bei den Zönästhesien werden Missempfindungen oder Schmerzen in Organen bzw. im Körper wahrgenommen, die aber im Unterschied zur den Zönästhesien als von außen gemacht erlebt werden. Beispiel: “Die ziehenden Schmerzen in meinem Rücken werden durch Bestrahlung ausgelöst.”

Zönästhetische Halluzinationen kommen daher häufig bei Schizophrenie vor.

HeilpraktikerErfolg - Moderne Integrative Psychotherapie Praktisch gemacht - LuschasManche Autoren zählen die zönästhetischen Halluzinationen auch zu den taktilen Halluzinationen, weil hier der Übergang fließend sein kann.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch zwei weitere Halluzinationen vorstellen.

Das sind einmal die vestibulären Halluzinationen (das Gleichgewicht betreffend), bei denen der Betroffene das Gefühl hat zu schweben, zu fliegen oder zu fallen. Zum anderen die kinästhetischen Halluzinationen (Bewegungshalluzinationen), wo das Gefühl vorherrscht, bewegt zu werden oder dass ein Körperteil bewegt wird.

Weil es zu Überschneidungen mit den zönästhetischen Halluzinationen kommen kann, ordnen einige Autoren die vestibulären und kinästhetischen Halluzinationen auch hier ein.

Die vestibulären und kinästhetischen Halluzinationen treten z.B. bei Intoxikations-Psychosen (vor allem Halluzinogene wie Haschisch/Marihuana, LSD) und hirnorganischen Psychosyndromen, gelegentlich auch bei der Schizophrenie auf.

Lernvideo – Ein Überblick über die Wahrnehmungsstörungen (zum Beispiel Halluzinationen)

In diesem Video beantworte ich nicht nur die oben gestellte Frage, “Was ist der Unterschied zwischen taktilen Halluzinationen, Dermatozoenwahn, Zönästhesien und zönästhetischen Halluzinationen bzw. Leibhalluzinationen?”, sondern Sie erfahren auch,

  • die Definition von Halluzinationen.
  • was Akoasmen oder Photopsien sind.
  • welche Halluzinationen bei der Depression typischerweise vorkommen, d.h. synthym (= stimmungskongruent) sind.
  • häufige Formen Halluzinationen annehmen können.
  • bei welchen psychischen Störungen Halluzinationen vorkommen können.
  • den Unterschied zwischen Illusion, Pareidolie, Halluzination und Wahnwahrnehmung.
  • was akustische, optische, olfaktorische und gustatorische Halluzinationen sind und bei welchen Störungen sie auftreten können.
  • was eine taktile (haptische) Halluzination ist.
  • dass Dermatozoenwahn vor allem bei organischen Psychosen vorkommt.
  • dass Zönästhesien vom Patienten nicht als von außen gemacht empfunden werden.
  • wie sich Zönästhesien und Leibhalluzinationen unterscheiden.
  • dass zönästhetische Halluzinationen beim Patienten i.d.R. als von außen gemacht erlebt werden.
  • was Pseudohalluzinationen sind.
  • was Mikro- und Makropsie sind.
  • was eines der zentralen Ziele der mündlichen HPP Prüfung ist.
  • warum es wichtig ist, dass Sie ‘imperative Stimmen’ erkennen/erfragen können.

Hilfreicher Tipp zum Lernen

Damit sich Ihr Prüfungswissen noch besser in Ihrem Gehirn verankern und mit anderen Wissensinhalten vernetzen kann, haben sich eigene Notizen zu den Trainingsvideos, insb. für eine hohe Behaltensrate, als besonders hilfreich erwiesen!

Ich wünsche Ihnen eine entspannte Lernphase, eine systematische Prüfungsvorbereitung und viel Erfolg in Ihrer schriftlichen Überprüfung :-)

Um das Video zu starten, klicken Sie auf den Wiedergabeknopf oder auf das Bild unterhalb dieses Textes. Mit einem erneuten Klick können Sie jederzeit pausieren.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Franziska studierte Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Danach absolvierte Sie erfolgreich die 5-jährige Psychologische Psychotherapeutenausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie beim IVS Nürnberg. Nach 10-jähriger psychotherapeutischer Tätigkeit leitet sie mit Uwe Luschas die piKVT Ausbildung für (angehende) Heilpraktiker Psychotherapie. Außerdem hilft sie mit ihrer Selbsthilfe-Webseite BossImKopf.de tausenden Menschen, mehr "Boss im Kopf" zu werden.

P.S.
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P.P.S.
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Kommentare

  1. Theresa schreibt:

    Hallo Franziska, danke für die Strukturierung der Begriffe. Ich glaube es hat sich eine kleine Verwechslung im Text eingeschlichen, und zwar sind vestibuläre Halluzinationen das Gleichgewicht betreffend und kinästhetische die Bewegung betreffend…zumindest von den Worten her passt es sorum besser ;) LG

    • Franziska Luschas schreibt:

      Danke. Den Dreher habe ich berichtigt :-)

  2. Susann schreibt:

    Liebe Franziska, vielen Dank für dieses Video, es hat mir in der Prüfungsvorbereitung ganz wesentlich geholfen. Susann

  3. Peter schreibt:

    Der Artikel hat mir geholfen, mehr Verständnis ins Lernen zu bringen. Vielen Dank für Ihre Arbeit :-) Peter aus Lütte

    • Franziska Luschas schreibt:

      Gerne :-)