Was sind Psychotherapie Richtlinienverfahren und wissenschaftlich anerkannte Psychotherapieverfahren?

von  Franziska Luschas
HPE Prüfungswissen - Schwarz Weiß

“(…) Hallo Frau Luschas, in Vorbereitung der Prüfung bin ich auf die unterschiedliche Aussagen zur klientenzentrierten Gesprächstherapie nach Rogers gestoßen. Gilt diese Form nun als “drittes abrechenbares Verfahren” lt. Lieb, Fraunknecht, Brunnnhuber oder ist das Verfahren lediglich wissenschaftlich anerkannt aber nicht abrechenbar über die Krankenkassen? (…)”

Diese Frage kam von einer Online HPP Orientierungspaket Teilnehmerin während ihrer autodidaktischen Vorbereitung auf die Heilpraktiker Psychotherapie Prüfung.

Der Wissenschaftliche Beirat prüft die wissenschaftliche Anerkennung von Psychotherapieverfahren

Bevor ich auf die oben gestellte Frage antworte, ist es meines Erachtens wichtig, dass Sie sich als (angehender) Heilpraktiker für Psychotherapie mit einigen wichtigen Begriffen und rechtlichen Grundlagen etwas näher beschäftigen.

Gerade für die mündliche HPP Überprüfung sollten Sie auch die genaue Definition von Psychotherapie nach dem Psychotherapeutengesetz (PsychThG) kennen.

“Die Ausübung von Psychotherapie im Sinne des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) von 1998 ist eine mittels wissenschaftlich anerkannter Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. Diese Wissenschaftlichkeitsklausel betrifft sowohl die Ausübung von Psychotherapie als auch die Anerkennung von Ausbildungsstätten.”

Ob ein Psychotherapieverfahren wissenschaftlich anerkannt werden kann, prüft der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP).

Er setzt sich zusammen aus je sechs Vertretern der Bundesärztekammer und der Bundespsychotherapeutenkammer. Die Mitglieder des WBP überprüfen die Studienqualität eingereichter Psychotherapiestudien anhand des Kriterienkatalogs, u. a. auch hinsichtlich der Ergebnisse der Studie, beispielsweise ob es eine signifikante Verbesserung in der Interventionsgruppe gibt.

Für die Behandlung von Erwachsenen gelten derzeit folgende Psychotherapieverfahren als wissenschaftlich anerkannt:

  • die Verhaltenstherapie (= Richtlinienverfahren)
  • die analytische Psychotherapie (= Richtlinienverfahren)
  • die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (= Richtlinienverfahren)
  • die Systemische Therapie (bald Richtlinienverfahren) und
  • die Gesprächspsychotherapie.

Die drei ersten Psychotherapieverfahren gehören außerdem zu den sogenannten (Psychotherapie-)Richtlinienverfahren.

Der Gemeinsame Bundesausschuss erstellt die Psychotherapie-Richtlinie

Die vom G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) erlassenen Psychotherapierichtlinien sind psychotherapeutische Leistungen, die zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen erbracht werden können.

Der Gemeinsame Bundesausschuss ist das oberste Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen unter der Rechtsaufsicht des Bundesministerium für Gesundheit.

Ein zur Krankenbehandlung geeignetes Psychotherapieverfahren ist lt. Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesauschusses (Stand: 21. Dezember 2018) u. a. gekennzeichnet durch “eine umfassende Theorie der Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten und ihrer Behandlung (…) und eine darauf bezogene psychotherapeutische Behandlungsstrategie für ein breites Spektrum von Anwendungsbereichen (…)”.

Diese Voraussetzungen erfüllen derzeit – wie bereits oben erwähnt – die Verhaltenstherapie, die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.

Wie der G-BA bei der Bewertung eines neuen Psychotherapieverfahrens vorgeht, beschreibt er auf seiner Webseite (siehe unten: Quellenangaben) ausführlicher.

“Bevor eine psychotherapeutische Behandlungsform ambulante Kassenleistung werden kann, bewertet der G-BA diese – ebenso wie andere medizinische Untersuchungs-​ und Behandlungsmethoden – nach einem in der Verfahrensordnung des G-BA festgelegten einheitlichen Verfahren. Überprüft wird, ob psychotherapeutische Verfahren und Methoden zur Behandlung bestimmter Erkrankungen für Patienten im Vergleich zu bereits zulasten der GKV zur Verfügung stehenden Verfahren und Methoden einen Nutzen haben und ob sie medizinisch notwendig und wirtschaftlich sind.

Für Psychotherapieverfahren gilt eine Besonderheit: Es muss nicht nur der Nutzen des Psychotherapieverfahrens durch methodisch gute Studien nachgewiesen sein, sondern die Nutzennachweise müssen auch mehrere Anwendungsbereiche der ambulanten Psychotherapie abdecken (insbesondere Depressionen und Angststörungen sowie mindestens einen weiteren Anwendungsbereich).

Die Bewertung von Psychotherapieverfahren bezieht sich daher auf alle 14 in der Psychotherapie-​Richtlinie genannten Anwendungsbereiche, darunter

  • affektive Störungen,
  • Angst-​ und Zwangsstörungen,
  • somatoforme Störungen,
  • Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen,
  • Essstörungen,
  • Persönlichkeitsstörungen und Verhaltensstörungen sowie
  • psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen oder durch Opioide.

Hintergrund dieser Bedingung ist, dass die Zulassung eines Psychotherapieverfahrens sich immer auf alle für den ambulanten Bereich geltenden Anwendungsbereiche erstreckt. Dies ist sinnvoll, weil eine psychische Krankheit häufig nicht allein, sondern in Verbindung mit anderen psychischen Krankheiten auftritt (‘Komorbidität’). Die zusätzliche psychische Erkrankung kann entweder schon zu Beginn der Behandlung erkennbar sein oder erst im Laufe der Therapie zutage treten. Ein Patient, der unter einer Angststörung leidet, kann z. B. zugleich an einer Depression erkrankt sein.

Die Patientin oder der Patient, der sich an die Psychotherapeutin oder den Psychotherapeuten wendet, soll von dieser oder diesem in Bezug auf alle bei ihm diagnostizierten psychischen Erkrankungen behandelt werden können. Zugleich soll sich die Patientin oder der Patient darauf verlassen können, dass das angewendete Psychotherapieverfahren seinen Nutzen zumindest in einigen der wesentlichen Anwendungsbereiche nachgewiesen hat.”

Die Systemische Therapie wird bald ein Richtlinienverfahren

In der Sitzung am 22.11.2018 hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) zusätzlich den Nutzen und die medizinische Notwendigkeit der Systemischen Therapie für Erwachsene bestätigt. Damit hat er entschieden, dass Systemische Psychotherapie künftig als Versicherungsleistung von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden kann.

In seiner Pressemitteilung Nr. 40 / 2018  schreibt der G-BA dazu: “Die systemische Therapie wird mit Aufnahme in die Psychotherapie-Richtlinie – zusammen mit der Verhaltenstherapie, der tiefenpsychologisch fundierten Therapie und der analytischen Psychotherapie – das vierte Psychotherapieverfahren sein, das im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden kann.”

Die Beratungen zur Anpassung der Psychotherapie-​Richtlinie als Voraussetzung für den Leistungsanspruch werden voraussichtlich in 2019 abgeschlossen werden (siehe unten: Quellenangabe G-BA).

Zu den Psychotherapieverfahren abgegrenzt werden übrigens Psychotherapiemethoden, die für einen bestimmten Anwendungsbereich als wissenschaftlich anerkannt und angewendet werden können.

Dazu gehören:

  • Katathymes Bilderleben (s. Katathym Imaginative Psychotherapie)
  • Rational emotive Therapie (RET) und
  • EMDR bei Erwachsenen mit PTBS

Die wissenschaftlich anerkannte Gesprächspsychotherapie ist (noch) kein Richtlinienverfahren

Die oben gestellt Frage lässt sich nun relativ einfach beantworten.

Zur Erinnerung:

“(…) Hallo Frau Luschas, in Vorbereitung der Prüfung bin ich auf die unterschiedliche Aussagen zur klientenzentrierten Gesprächstherapie nach Rogers gestoßen. Gilt diese Form nun als “drittes abrechenbares Verfahren” lt. Lieb, Fraunknecht, Brunnnhuber oder ist das Verfahren lediglich wissenschaftlich anerkannt aber nicht abrechenbar über die Krankenkassen? (…)”

Meine Antwort:

Der Wissenschaftliche Beirat schreibt in seinem Gutachten zur wissenschaftlichen Anerkennung der Humanistischen Psychotherapie, vom 11.12.2017, u.a.:

Die Gesprächspsychotherapie, für die (…) nach dem vorliegenden Stand der Begutachtung eine wissenschaftliche Anerkennung in drei Anwendungsbereichen festgestellt werden kann, kann somit auch nicht als Verfahren für die vertiefte Ausbildung entsprechend § 1 Abs. 1 der Ausbildungsund Prüfungsverordnung für Psychologische Psychotherapeuten empfohlen werden, da anhand der vorliegenden Studien zwar die wissenschaftliche Anerkennung für die Anwendungsbereiche ‘Affektive Störungen’, ‘Anpassungs- und Belastungsstörungen’ und ‘Psychische und soziale Faktoren bei somatischen Erkrankungen’ festgestellt werden kann, jedoch die erste Mindestvorgabe für die Empfehlung als Verfahren für die vertiefte Ausbildung gemäß Abschnitt III.1 des Methodenpapiers, eine wissenschaftliche Anerkennung für die beiden Anwendungsbereiche ‘Affektive Störungen’ und ‘Angststörungen’, nicht erfüllt ist.

Danach ist also eine Abrechnung der Gesprächspsychotherapie mit den (gesetzlichen) Krankenkassen, zumindest im ambulanten Bereich, derzeit nicht möglich (Stand: 17.08.2019).

Quellenangaben

  • https://www.g-ba.de/themen/psychotherapie/ (Gemeinsamer Bundesausschuss)
  • https://www.wbpsychotherapie.de/wissenschaftliche-beurteilungen-gutachten/ (Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie)

Die üblichen rechtlichen Hinweise

Bitte beachten Sie, dass

  • die Inhalte dieses Beitrags ausschließlich für Lehrzwecke bestimmt sind.
  • die Daten nach besten Wissen und Gewissen, basierend auf den genannten Quellen erstellt worden sind.
  • keine Haftung für Richtigkeit, Aktualität, Vollständigkeit und/oder Folgeschäden übernommen wird.

Auf IHREN Erfolg in Prüfung und Praxis!

Franziska Luschas
Diplom Psychologin

Biographie Profilbild Diplom Psychologin und KVT Trainerin Franziska Luschas auf HeilpraktikerErfolg
Nachdem Franziska den Diplomstudiengang Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und die 5-jährige Psychologische Psychotherapeuten Ausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie beim IVS Nürnberg erfolgreich abgeschlossen hatte, war sie bis 2017 in eigener Praxis tätig. Jetzt bildet sie (angehende) Heilpraktiker Psychotherapie in Kognitiver Verhaltenstherapie aus. Und sie hilft mit ihrer Bossimkopf Webseite und ihrem Bossimkopf Youtubekanal vielen Menschen, erfolgreich mehr Boss im Kopf zu werden.

P.S.
Und wenn meine kostenlosen und qualitativ hochwertigen Artikel, Videos und Materialien für Ihre HP Psychotherapie Prüfungsvorbereitung hilfreich waren, dann empfehle ich Ihnen hier auch die beiden Online Orientierungspakete zur Vorbereitung auf die schriftliche und mündliche HP Psych. Überprüfung.

P.P.S.
Und wissen Sie schon, dass wir eine Ausbildung in Kognitiver Verhaltenstherapie anbieten, die speziell für HPP Selbstzahlerpraxen entwickelt wurde? Falls nicht, dann können Sie sich hier weiter über diese praktische und integrative KVT Qualitätsausbildung informieren.